Früh um acht Uhr nach Champaner gefahren. Champaner ist eine alte Stadt, eine Ausgrabungsstätte, eine von 32 Unesco World Heritage-Stätten in Indien. Immer wieder erstaunen mich die Öffnungszeiten: 10:00 bis 16:30, dabei hat es schon um 08:30 mehr als 37 Grad, mittags ist es glühend heiss, auch nicht die beste Zeit zu fotografieren.
Laut Lonely Planet kostet der Eintritt 100 Rupies, aber vor drei Monaten wurde der mehr als verdoppelt auf 250 Rupies – der Tourist als Schröpfgans, umso ärgerlicher, als sich der Ort über 6 qkm erstreckt und die Ausgrabungsobjekte ziemlich weit auseinander und versteckt liegen. Natürlich gab es zu dem erhöhten Eintrittspreis keinerlei Mehrwert – nirgendwo eine Landkarte oder einen Plan, kein fotokopiertes Exemplar, nichts. Du stehst da an der Kasse und hast keine Ahnung wohin du gehen sollst, auch im Lonely Planet kein Plan. Von den Angestellten spricht erstaunlicher Weise keiner englisch. Als ich mich verständlich gemacht habe, beginnt der eine Angestellte demonstrativ seinen Schreibtisch zu druchsuuchen – natürlich weiß er, dass er keine Landkarte hat, aber er will seinen guten Willen zeigen und nervt dadurch nur noch mehr. Ich lasse mich dann verärgert zum Hauptbüro des Archiological Survey of India führen – zwei Leute sitzen drinnen, ein völlig leerer Raum, auch sie duchsuchen ihre Schreibtische. Was sie tun ist mir unklar, denn das Zimmer, die Schreibtischplatte und die Schreibtische sind völlig leer – kein Blatt Papier, kein Ordner, kein Kugelschreiber, nichts drin. Anscheinend der perfekte Drückerposten. Wutentbrannt verlange ich das Complaint book, das überall vorhanden sein muss, gibt es aber auch nicht. Schließlich findet einer der Angestellten am Eingang ein altes Gästebuch, in dem ich meinen Frust ablasse und mich nur noch mehr ärgere, dass mein Englisch bei den Schimpfworten sehr zu wünschen übrigläßt.
Ich gehe in die Moschee am Eingang. Aber Indien ist für jede unangenehme und angenehme Überraschung gut. Ein sehr distinguierter Inder und ein Europäer mit Kamera kommen in die Moschee. Ich quatsche den Inder an, da ich ihn für einen Guide halte, erkläre ihm die Situation, ob er sich auskennt und in welche Richtung ich gehen müsste. Tatsächlich kennt er sich aus: es ist der Architekt Karan Grover, der die Ausgrabungen und Restaurierungen im Ort leitet und der die Anerkennung als Unesco Worl Heritage Monument eingeleitet hat.
Jaja, er kenne das Problem. Die Unterlagen und Landkarten sind zwar alle da, aber die „Idioten“ (wie er sagt) in der Regierung hätten hier nur lauter unfähige Leute anhand der Bestechungsgelder eingesetzt. Er hat auch keine Ahnung, was die hier eigentlich machen, ausser abzukassieren. Der Europäer mit der Kamera ist von der BBC und dreht gerade eine Dokumentation für die BBC-Serie "Unesco World Heritage Monumente". Grover meint, ich sollte mit ihnen fahren, er würde mir die schönsten Ecken zeigen, sie würden sie sowie filmen. Na, da habe ich nichts dagegen und sage zu.
Champaner war die frühere Hauptstadt Gujarats und liegt am Berg Pavagahd, der wie ein Vulkan mitten aus der Ebene aufsteigt. Am Berg oben liegt das älteste Monumment aus dem 10. Jahrhundert, der Lakulish Tempel, den ich mir später Mittags anschaue. Champaner war ab dem 8. Jahrhundert Hauptstadt des hinduistichen Rajput Reichs Chauhan, wurde dann 1484 vom Sultan Mahmud Begara erobert und zerstört, als moslemische Stadt wieder aufgebaut und 1535 entgültig von dem Mogul-Kaisern zerstört.
Das Interessante an Champaner ist die einzigartige Verbindung von hinduistischen und moslemischen Stilelementen. So finden sich in den Moscheen Lotosblüten, die stilisierten Schlangensymbole über den Fenstern und Eingängen oder das Hakenkreuz in den Jalis (den durchbrochenen Fenstern). In der größten Moschee, der Jami Masjid, befindet sich am Eingang ein großes zweistöckiges Gewölbe, das eindeutig dem Jain-Tempel in Ranakpur nachgebildet ist. Man hat angeblich 125 Jahre gebraucht, um diese Moschee zu erbauen. Sie zeichnet sich aus durch feinste und schönste Steinmetzarbeiten. Besonders schön, fein gearbeitet und aussergewöhnlich ist das Lebensbaummotiv an der Decke der Moschee - etwas Ähnliches habe ich noch nie gesehen. Hinter der Jama Masjid gibt es einen großen achteckigen Stufen-brunnen, den Hauz-i-Vazu.
Ein Vorteil war natürlich auch, dass ich durch meine Begleiter in die gesperrten Etagen der Gebäude komme, wo man zum Teil eine wunderbare Rundumsicht hat.
Wie mir der Architekt erzählt, wurden bisher 150 Gebäude ausgegraben und restauriert, weitere 3000 seien noch vorhanden. Besonders interessant sind die Kewda Masjid, die Nagina Masjid, eine unbenannte Moschee mit Ziegelminaretten.
Mittags fährt das Filmteam zum Essen, ich werde eingeladen und sage natürlich zu. Mit dem Auto geht es eine halbe Stunde nach Süden, zu den Maharajas, genauer zum Maharaja von Jambughoda. Der Palast ist ein schönes altes Holzgebäude, das Maharaja-Ehepaar sehr angenehm, leise, freundlich, nicht so krachig wie all die neureichen Inder. Das einzige Auffällige ist, dass sie viel von ihren Vorfahren und fast nichts von sich erzählen, als ob sie kein eigenes Leben hätten. Zur Begrüßung gibt es einen wunderbaren indischen Weißwein – und das im trockenen Gujarat, wo Einfuhr, Verkauf und Genuß von Alkohl strengstens verboten ist. Der Wein kann es mit den meisten europäischen Sorten aufnehmen. Dann gibt es einen ausgezeichneten Brunch mit absolut ausgefallenen Speisen, wie ich sie noch nirgends bekommen habe.
Der Palast liegt in einem inoffiziellen Naturschutzgebiet, das der Großvater einrichten ließ (es gibt dort sogar noch Leoparden), es werden nur eigen angebaute, ökologische Lebensmittel verarbeitet und der Palast hat 19 Zimmer, die vermietet werden.
Website:
www.jambughoda.com
Nachher geht es wieder zurück, der Architekt und der BBC-Filmer fahren zur Ruhepause zurück nach Baroda, mich lassen sie beim Berg Pavagahd hinaus und ich fahre mit der Zahnradbahn für 55 Rupies hinauf. Eigentlich wollte ich ja gehen, aber mittags um 13:00 völlig unmöglich – schon die kurze Strecke von der Endstation der Zahnradbahn bis hinauf zum Tempel, vielleich 100 Höhenmeter geht an die Substanz – bei 47 Grad fließt der Schweiß in Strömen, zumal ich nicht ganz fit bin, da ich leichten Durchfall und Fieber habe. Der Tempel ist ein großes Pilgerzentrum und einmal im Jahr pilgern dort 2 bis 3 Millionen von Hindus hinauf – da möchte ich nicht unbedingt dabei sein, denn der Tempel ist relativ klein. Man hat aber eine wunderbare Rundumsicht – auch auf den Bergkämmen liegen noch zahlreiche Ruinen (die aber noch nicht für Touristen geöffnet sind).
Anschließend fahre ich hinunter, sehe mir die Mauern und Ruinen der Royal Enclavery an und wandere zur Jamij Masjid, wo ich mich (nach Torschluß) um 17:00 mit dem Architekten wieder treffe. Sie wollen dort, bei besserem Licht weiterfilmen. So gegen 19:00 bei Sonnenuntergang sind sie fertig und nehmen mich mit zurück nach Baroda.
Ich habe in Indien selten so einen netten, lebensfrohen und humorvollen Menschen wie Grover getroffen – wenn er nach Deutschland kommen sollte, habe ich ihn zum Wein eingeladen, zu seiner großen Liebe. Herzliche Grüsse von mir….