Herzlich willkommen! PiXXload umfasst die gesamte Welt der Reise-Fotografie. Hier können Sie Ihre eigenen Bilder präsentieren, Kommentare und Bewertungen schreiben und empfangen, Informationen über Reisen und Fotografie austauschen, chatten, an Wettbewerben teilnehmen und zwar kostenlos! (Hier registrieren) (Mehr Infos)

  • »yaWo« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 1 221

Wohnort: Mühldorf

Renommeemodifikator: 12

  • Nachricht senden

61

Mittwoch, 13. Oktober 2010, 22:18

Attari

Abends fahre ich nach Attari/Wagah. Da sich im Guesthouse niemand gefunden hat, mit dem ich eine Motor-Rikscha teilen kann und mir 400 Rupies für eine allein zuviel sind, fahre ich vom Goldenen Tempel aus mit einem „shared Taxi“ (Hin- und Rückfahrt 75 Rupies). Attari und Wagah sind die indischen und pakistanischen Orte an der gemeinsamen Grenze, etwa 30 km von Amritsar entfernt. Tagtäglich findet da die Zeremonie des gemeinsamen Flaggeneinholens statt.

Die Fahrt fing gar nicht gut an. Schon nach einem halben Kilometer starb der Motor des Taxis ab und ließ sich nicht mehr starten. Wir schoben an, half aber nichts. Aber irgendwie schaffen es die Inder alles doch noch zum Laufen zu bekommen – fünfzehn Minuten später ging es weiter. Nach etwas mehr als einer halben Stunde waren wir an der Grenze. Eine Unmenge von Menschen war da, ich schätze an die fünftausend, die die Flaggenzeremonie sehen wollten. Eine Überraschung: ich wurde – wie alle europäischen Touristen zum VIP-Eingang gebeten und bekam einen Tribünenplatz. Flaschen und Taschen darf man nicht mitnehmen (also Kameratasche im Auto lassen - Kamera ist erlaubt).

Dann ging das Spektakel los. Zuerst lautstarke Disko- und Bollywood-Musik. Einige Hundert Inder sprangen von ihren Sitzen auf und begannen zu tanzen. Frauen, nur vereinzelte Männer, griffen sich große indische Fahnen und liefen – natürlich zum Fotografieren – die Strasse hinauf und hinunter. Die Pakistanis konnten einen leid tun: sie sassen brav nach Männlein und Weiblein getrennt rechts und links der Strasse (natürlich auf der anderen Seite des Grenzzauns) auf ihren Tribünen. Die Soldaten des Grenzbatallions liefen mit riesigen roten Fächern am Kopf herum, sah alles recht malerisch aus. Die Pakistanis waren ganz in Schwarz, hatten aber auch eindrucksvolle Mützen. Dann begann der Ernst der Sache. Die Soldaten mit dem Fächer am Kopf standen in Reih und Glied, ihr Oberst begann diverse Befehle(auf Hindi) zu brüllen, schön laut und langgezogen um die pakistanische Seite zu übertrumpfen. Deren Oberst brüllte auch, dann brüllten alle Zuschauer einige Minuten "Indien" bzw. „Pakistan“ und noch irgendwas, was wahrscheinlich „Hoch“ oder „lebe lang“ bedeutete, die Inder brüllten natürlich auch, „Hindustan“ und vermutlich auch „Hoch“ oder „lebe lang“ oder etwas Ähnliches.

Einer der der in Khaki gekleideten Soldaten mit dem roten Fächerhut schmiss die Beine hoch (ganz gekonnt bis über den Kopf !), stampfte wie ein Elefant auf und marschierte wie ein Pfau dann im Sturm- und Stechschritt auf das Grenztor zu, machte dort eine gekonnte Wende, trampelte wieder wie ein Elefant auf, schwang seinen Arm kriegerisch hin und her und schmiss seine Beine wieder bis hoch zum Kopf (ich hatte ihn schon vorher zusammen mit seinen Kollegen hinter dem Mannschaftgebäude gesehen, wo sich sich wie ein Sportler mindestens eine halbe Stunde warm gemacht hatten). Sein schwarz gekleideter pakistanischer Kollege machte dasselbe und auch nicht schlechter. Inder wie Pakistanis jubelten. Das wiederholte sich einige Male, bis alle Soldaten vorne am Grenzzaun waren, der wurde dann geöffnet, dann wurde wieder gebrüllt wie blöd, dann standen alle Zuschauer auf und die Fahnen wurde eingeholt. Dann ging es ZackZack: die Fahne wurde gefaltet, der Chef trug sie feierlich im Stechschritt ins übernächste Gebäude, seine Soldaten folgten ihm und warfen wieder gekonnt die Beine über den Kopf und stampfen ihr Elefantenstampfen. Dann war alles ganz plötzlich aus und die indischen Zuschauer standen auf und stürmten zum Ausgang.

Diese Show dauert praktisch 90 Minuten und wird tatsächlich jeden Tag aufgeführt. Am Sonntag soll sie noch länger und bunter sein. Ich muss leider gestehen, für sol-che Kinkerlitzchen konnte ich mich noch nie erwärmen, mir war es immer unerklär-lich, wieso sich erwachsene Menschen mit einem Funken Verstand wie Marionetten bewegen, stramm stehen, auf Gebrülle reagieren, Beine werfen, Gewehre hin und her schwenken, im Stechschritt marschieren und was sonst noch. Ich schaue mir so etwas immer wie ein Kasperle-Theater an, wie Karneval in Köln. Nicht dass die Show schlecht war, aber im Grossen und Ganzen erinnerte mich die ganze Geschichte an Droh- und Kampfgebärden aus dem Tierreich: lauter und länger brüllen als der andere, im Sturmschritt auf einander zulaufen, Stechschritt, wildes Aufstampfen und Fäusteschütteln – nach dem Motto, ich bin stärker und besser als du. Hinterlässt doch ein flauesGefühl, wenn man an die gemeinsame Geschichte Indiens und Pakis-tans und ihre Kriege denkt. Eines ist zumindest positiv: damit die ganze Show so abläuft, müssen beide Seiten wohl zusammen geübt haben.

Dann geht es bei Vollmond und unendlich viel Staub von den vielen Fahrzeugen mit dem „shared taxi“ wieder zurück nach Amritsar.

  • »yaWo« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 1 221

Wohnort: Mühldorf

Renommeemodifikator: 12

  • Nachricht senden

62

Mittwoch, 13. Oktober 2010, 22:20

Attari

]

  • »yaWo« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 1 221

Wohnort: Mühldorf

Renommeemodifikator: 12

  • Nachricht senden

63

Mittwoch, 13. Oktober 2010, 22:22

Attari


  • »yaWo« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 1 221

Wohnort: Mühldorf

Renommeemodifikator: 12

  • Nachricht senden

64

Mittwoch, 13. Oktober 2010, 22:23

Indische Eisenbahn

Die indische Eisenbahn ist manchmal ein Rätsel. Sie ist ein gigantischer Moloch, der größte Arbeitgeber Indiens, funktioniert in der Regel relativ gut (sicherlich nicht sehr viel schlechter als die deutsche Bundesbahn, obwohl die natürlich sehr viel mehr neueres Schnickschnak anbietet, das der „normale“ Bahnfahrer gar nicht braucht) und ist unschlagbar billig, wenn man zweiter Klasse fährt, und wesentlich bequemer als jeder Bus. Erste Klasse lohnt nicht: wer erste Klasse oder gar erste Klasse mit Aircon fahren will, soll sich lieber nach Flügen umschauen, die sind ähnlich teuer.

Und doch gibt es immer Skurrilitäten bei der indischen Eisenbahn. Sie ist in der Regel immer gut ausgebucht, das heißt, sie ist eigentlich immer voll. Trotzdem kommt es dann auf einigen Strecken vor, dass man stundenlang fast alleine im Waggon sitzt, weil so wenige Leute fahren – das sind allerdings die seltensten Ausnahmen.

In der Regel hat man Probleme, einen Sitz zu reservieren und größere Strecken sollte man nie ohne Reservierung fahren, denn sonst kann es sein, dass man mit einem Stehplatz Vorliebe nehmen muß (aber das kennen wir ja alle von dem deutschen ICEs – wie oft habe ich da schon stehen müssen). Eine der unangenehmsten Zugverbindungen in Indien ist die von Dehli nach Mumbai und umgekehrt, denn die ist immer schon Wochen voraus ausgebucht. Täglich fahren fünfzehn Züge und das sind viel zu wenig. Für solche Fälle gibt es aber Abhilfen: für Touristen gibt es (manchmal) eine Tourist Quota, für Notfälle (da muss man halt irgendetwas Sinnvolles und Glaubwürdiges erfinden) gibt es die Emergency Quota. Dann gab oder soll es noch eine numinöse VIP-Quota geben, aus der man dann Sitze oder Liegen bekommen kann (ich habe da einmal vor 20 Jahren einen Sitz bekommen, aber die Zeiten scheinen vorbei zu sein). In vielen Fällen sind die auch ausgeschöpft oder es gibt sie gar nicht – man landet dann auf der Warteliste. Wenn dann jemand sein Ticket storniert, rückt man auf der Liste nach oben und mit viel Glück, bekommt man am Abreisetag eine Sitz- oder Liegeplatz. So ging es auch mir, als ich drei Tage vor Abreise Richtung Mumbai buchte: vier Wochen im Voraus war alles ausgebucht. Ich nahm den Tag mit der kürzesten Warteliste und bekam Postion 28. Sogar die erste Klasse und alle AC-Klassen zum Preis eines Flugtickets waren vollständig ausverkauft.

Am Abreisetag, eine halbe Stunde vor Abfahrt, hatte ich natürlich keinen Sitz, aber die Warteposition 10. Nicht sehr schön. Auch die Nachfrage beim Kontrolleur brachte keine Abhilfe, also setzte ich mich – was allgemein üblich ist – zu den reservierten Plätzen, wird halt da ein bischen enger. Bis Delhi ging es recht gut, da war noch nicht alles voll, aber in Deli ging es zu – bei Abfahrt des Zuges war er sicherlich um mindestens 50 % überbelegt. Ich setzte mich zu zwei netten Sikhs, die aber bald von einer unangenehmen Frau mit zwei Begleitern vertrieben wurden. Mich schnauzte sie an, weil meine grosse Tasche unter dem Sitz stand, unter „ihrem“ Sitz. Rundherum war Platz für zehn Taschen und sie hatte nur eine und die musste natürlich dahin, wo meine war. Also zerrte ich meine heraus und schob sie auf die andere Seite. Obwohl alles voll war, musste sie sich dann als einzige hinlegen, ihre zwei Begleiter setzten sich auf die andere Seite, so dass dort statt vier Leute, sechse sassen. Fast jeder schüttelte den Kopf. Ständig ließ sich die Alte von ihren Begleitern bedienen, sie war sogar zu faul, ihre Wasserflasche, die hinter ihr an der Wand hing, herunterzunehmen, die mussten ihre Begleiter holen. Ständig pflaumte sie in unfreundlichster Weise irgendeinen Mitreisenden an. Eine grauenhafte Person. Naja, nicht mein Bier, aber deren arme Begleiter.

Irgendwann entspannte sich die Lage etwas, als mich ein englisch sprechender Sikh, mit dem ich mich schon länger unterhalten hatte, ansprach, ob ich mich nicht auf seine Seite setzten wolle. Ich wollte natürlich wissen, warum. Die grauenhafte Person und ihre Begleiter wollten ihr Abendgebet verrichten und dazu bräuchten sie meinen Sitzplatz – aha, Moslems also. Na gut, sollten sie. Ich setzte mich auf die andere Seite. Alle zogen ihre weissen Fundamentalistenkappen auf, die grauenhafte Person zog ihren Koran heraus und begann zu lesen und ihre Begleiter, die doch auf meinem Platz beten wollten, verschwanden und hatten dann doch irgendwo am Boden im Zug gebetet. Mein Nachbar, der Sikh, hatte auch keine Ahnung warum.

Ich setzte mich wieder auf meinem Platz. Eine halbe Stunde später, sollte ich mich wieder woanders hinsetzen, denn der Moslem wollte zu Abend essen und anscheinend konnte er das nicht neben einem Ungläubigen. Das war ja nun schon stark, ich wollte wissen, wo da das Problem sei, denn mich störe es nicht, wenn er neben mir esse und neben mir hatten schon unzählige Moslems, Sikhs, Hindus, Atheisten, Buddhisten, Christen und Jains friedlich gegessen. Ausserdem, wenn es ihm nicht passt, soll er doch aufstehen und sich woanders hinsetzen. Ich bekam leider keine Antwort, der Sikh fragte seinen Nachbar, beide zuckten die Schultern und er meinte dann, die seien vielleicht ein bischen komisch. Nachdem ich nicht aufstand, nahm der Moslem tatsächlich sein Abendessen und kroch gegenüber auf das oberste Bett hinauf, um nicht neben mir essen zu müssen. Um ehrlich zu sein: ich habe den Eindruck bei einigen von diesen Leuten sind wirkich nicht mehr alle Tassen im Schrank, bei manchen Moslems fällt es mir dann sehr schwer, sie zu verstehen, geschweige denn sie zu mögen ….

Gut, Liegeplatz war also für die Nacht nicht, und da wo ich saß und am Boden liegen wollte, waren auch zwei Frauen mit zwei Kindern, die sich freundlichst bedanken, als ich meinen angemeldeten Liegeplatz am Boden an sie abtrat. Im nächsten Abteil sassen sechs wohlgenährte Neureiche aus Mumbai, die keinen in ihrem Abteil sitzen liessen (die ersten solchen Inder, die ich erlebte – anscheinend der neue meist unfreundliche Mittelstand). Ein Abteil weiter wurde mir dann freudlich Platz gemacht, ich erzählte, kein Liegeplatz, ich wolle nachts da am Boden schlafen und alle waren recht besorgt, fragten sechs- oder siebenmal den Kontrolleur, der konnte aber auch nichts aus dem Hut zaubern. Zwei Frauen gegenüber wollten zusammen auf einem Bett schlafen, damit ich in ihrem zweiten schlafen könnte – fand ich furchtbar lieb, lehnte ich aber dann doch ab (sie schliefen dann doch zusammen in einem Bett und überließen ihr zweites Bett einem Ehepaar mit zwei Kindern). Als es Zeit zum Schlafengehen war, meinte schüchtern der nette, kleine Nepali aus Delhi neben mir, ich könne doch auf gar keinen Fall am Boden schlafen und ich solle bei ihm auf der Bank schlafen. Er war dann sehr beruhigt, als ich ihm erklärte, wie nett das sei, aber ich wollte es am Boden probieren und wenn es nicht ging, zu ihm auf die Bank kommen – ganz ehrlich versprochen.

Praktischer Weise war gerade ein Strassenkind gekommen und hatte versucht, sich Geld mit dem Aufkehren und Aufwischen des Bodens zu verdienen (sauber war er natürlich dennoch nicht). Zuerst zwei Lagen zusammen geschnorrtes Zeitungspapier auf den Boden, dann die Iso-Matte und den Sarong darüber, meine Reisetasche als Kopfkissen – und es ging wunderbar, besser als ich gedacht hatte. War zwar nie geplant, so zu reisen, aber wenn man länger in Indien unterwegs ist, muss man mit so etwas rechnen – vier, fünf Wochen vorausplanen und –buchen ist da nicht recht gut machbar.

Auf jedem Fall lagen auf der Stecke Delhi – Mumbai sicherlich in einem Drittel der Betten mehr als ein Mensch – da sind die Inder sehr flexibel und hilfsbereit, auch innerhalb einer Familie rutscht man da zusammen, schläft mit Verwandten und Kindern in einem Bett und gibt das andere ab. Speziell für die einfacheren Leute ist das völlig selbstverständlich, dass man zusammenrückt – das nächste Mal kann es ja einem selber treffen.

Morgens bin ich sogar einigermaßen ausgeschlafen und ohne grosse Rückenschmerzen aufgewacht. Mit einer Stunde Verspätung (bei einer Fahrzeit von 26 Stunden als fast pünktlich) traf der Zug in Vadodara ein.

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »yaWo« (13. Oktober 2010, 22:29)


  • »yaWo« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 1 221

Wohnort: Mühldorf

Renommeemodifikator: 12

  • Nachricht senden

65

Mittwoch, 13. Oktober 2010, 22:34

Vadodara (Baroda)

Vadodara erstaunt mich. Ein recht einfacher Ort ohne grosse touristische Sehenswürdigkeiten und erstaunlich teuren Hotels. Die wenigen einfacheren billigeren Ho-tels sind entweder voll oder nehmen keine Nicht-Inder auf. Also in ein Hotel mit Zimmerpreisen ab 400 Rupies – woanders bekommt man solche Zimmer für 200 oder 250 Rupies.

Dafür gibt es ein fantastisches Restaurant im Ort mit einem Thali für 120 Rupies – das Beste und Ausgefallendste, das ich bisher in Indien bekam – und das sogar ein Tipp aus dem Lonely Planet Reiseführer, der ja sonst beim Essen sehr daneben liegt. Das Lokal hat aber einen gravierenden Nachteil :D – es wird immer nachgelegt und es schmeckt so gut, dass ich zwei Tage lang völlig überfressen bin. Alleine bei der guten Nachspeise, einer Mango-Creme habe ich fünfmal zu gelangt. Abendessen braucht es da nicht mehr.

Am Bahnhof treffe ich einen netten Saddhu um die vierzig, der Ingenieur war und viel in der Welt herum gekommen ist (Neuseeland, Australien, USA, Europa) und jetzt zu Fuss durch Indien von Tempel zu Tempel wandert. Ich unterhalte mich gut mit ihm und mache einige Fotos – er meint, Saddhus muß man für Fotos bezahlen und ich halte ihm einige Rupies hin. Er ist empört, er hat genug Geld (und zeigt mir seine 50 Rupies) und kann mich jederzeit einladen, was soll er mit Rupies, er wollte eine europäische Münze, aber die sind mir schon lange ausgegangen. Wir plaudern noch ein Viertelstündchen und dann verdrücke ich mich, ich muss ein Zugticket nach Mumbai kaufen. Dort sehe ich das seltsamste Schild an einem Schalter, der für tourists, handicaped, press reporters und freedom fighters reserviert ist: was es in Indien nicht alles gibt (Eine Frage: woran erkennen die Inder denn die freedom fighters?). Ich komme auf Warteliste 187, kenne ich ja schon, aber bei Abfahrt habe ich dann tatsächlich einen Liegeplatz ergattert.

Vadodara war früher die Hauptstadt des Fürstentum Baroda und entwickelte sich zu einer modernen und wohlhabenden Stadt unter dem Maharaja Sayajirao III, der 58 Jahre bis 1939 in der „goldenen Periode“ regierte. Er gründete mehrere Universitäten (an denen heute mehr als 100.000 Menschen studieren) die Bank of Baroda, modernisierte die Wirtschaft, das Erziehungssystem und die Verwaltung und brachte die Elektrizität in die Stadt, führte eine Land- und Agrarreform und das Verbot von Alkohol durch. 1974 wurde Baroda in Vadodara umbenannt, aber der alte Name ist immer noch in Gebrauch (die Polizei heißt z.B. „Police of Baroda“ und nicht „Police of Vadodara“).

2002 machte Vadodare negative Schlagzeilen, als es zu Unruhen in der Stadt kam und bei Aussschreitungen Hunderte von Menschen, meist Moslems, getötet wurden. Die Untersuchungen kamen zu dem Schluß, dass der heute regierende Chief Minister Narendra Modi Drahtzieher bei dem gezielt durchgeführten Progrom war, mit denen er Stimmen im Kommunalwahlkampf gewinnen wollte – geschadet hat das seiner Karriere nicht (man sieht, das ist auf der Welt überall gleich, Schweinereien – wenn sie nur groß genug sind – schaden in der Regel einer politischen Karriere nicht, das ist in Indien genauso wie in Detuschland). 2006 kam es wieder zu Unruhen, die aber vom indischen Militär sofort eingedämmt wurden, so dass nur wenige Menschen ums Leben kamen.

Am nächsten Tag mache ich mich auf dem Weg zum Laksmi Villas Palace, dem Maharaja-Palast. Wie gewohnt sind die Eintrittspreise im Reiseführer überholt: der Eintritt kostet nun 125 Rupies inklusive Audio-Guide, der nur in Englisch erhältlich und nicht besonders gut ist. Der Palast hingegen ist grandios und im indosarazenischen Stil erbaut und wurde 1890 nach zwölf Jahren Bauzeit fertig gestellt. Er gilt als einer der großartigsten und prachtvollsten Paläste Indiens, ist aber fast völlig unbekannt und wird von fast keinen westlichen Touristen besucht. Als ich mich ins Gästebuch eintrug, sah ich, dass der letzte westliche Besuch vor über einem Monat da war.

Der Architekt des Palastes war ein Engländer, der den Palast in einen europäischen, in einen Mogul-, einen Sikh- und einen Hindu-Teil aufteilte, aber trotzdem ein homogenes Ganzes schuf. Innen gibt es herrliche Statuen, wunderbare Steinmetzarbeiten und vor allem wunderbare bemalte Glasfenster (die meisten in Indien). Die Durbarhall, die Versammlungshalle, ist sicherlich die größte und schönste, die ich bisher in Indien gesehen habe. Fotografieren ist innen im Palast leider verboten.

Im Palast selber gibt es das Maharaja Fateh Singh Museum mit indischer, japanischer und chinesischer Kunst (da werden dann noch einmal 150 Rupies Eintritt fällig). Unter den europäischen Werken sind auch Gemälde von Raphael und Murillo.

Im Sayaji Bagh, einem großen Park in der Stadtmitte, gibt es das Baroda Museum and Picture Gallery mit (angeblich) einer der besten Gemäldegallerien Indiens. Unter anderem gibt es auch einige Werke von William Turner. Da vor drei Monate die Preise für Nicht-Inder verzwanzigfacht wurden, habe ich aus Protest auf einen Besuch verzichtet und eine unfreundliche Mitteilung im Gästebuch hinterlassen.

Am Sursagar Talev-See nahe dem Zentrum der Altstadt gibt es eine (nicht sehr überzeugende) 30 Meter hohe Figur Shivas mit dem traditionellen Dreizack.

  • »yaWo« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 1 221

Wohnort: Mühldorf

Renommeemodifikator: 12

  • Nachricht senden

66

Mittwoch, 13. Oktober 2010, 22:37

Vadodara (Baroda)






  • »yaWo« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 1 221

Wohnort: Mühldorf

Renommeemodifikator: 12

  • Nachricht senden

67

Mittwoch, 13. Oktober 2010, 22:39

Vadodara (Baroda)

Laksmi Villas Palace


  • »yaWo« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 1 221

Wohnort: Mühldorf

Renommeemodifikator: 12

  • Nachricht senden

68

Mittwoch, 13. Oktober 2010, 22:42

Vadodara (Baroda)

Laksmi Villas Palace


  • »yaWo« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 1 221

Wohnort: Mühldorf

Renommeemodifikator: 12

  • Nachricht senden

69

Mittwoch, 13. Oktober 2010, 22:50

Champaner

Früh um acht Uhr nach Champaner gefahren. Champaner ist eine alte Stadt, eine Ausgrabungsstätte, eine von 32 Unesco World Heritage-Stätten in Indien. Immer wieder erstaunen mich die Öffnungszeiten: 10:00 bis 16:30, dabei hat es schon um 08:30 mehr als 37 Grad, mittags ist es glühend heiss, auch nicht die beste Zeit zu fotografieren.

Laut Lonely Planet kostet der Eintritt 100 Rupies, aber vor drei Monaten wurde der mehr als verdoppelt auf 250 Rupies – der Tourist als Schröpfgans, umso ärgerlicher, als sich der Ort über 6 qkm erstreckt und die Ausgrabungsobjekte ziemlich weit auseinander und versteckt liegen. Natürlich gab es zu dem erhöhten Eintrittspreis keinerlei Mehrwert – nirgendwo eine Landkarte oder einen Plan, kein fotokopiertes Exemplar, nichts. Du stehst da an der Kasse und hast keine Ahnung wohin du gehen sollst, auch im Lonely Planet kein Plan. Von den Angestellten spricht erstaunlicher Weise keiner englisch. Als ich mich verständlich gemacht habe, beginnt der eine Angestellte demonstrativ seinen Schreibtisch zu druchsuuchen – natürlich weiß er, dass er keine Landkarte hat, aber er will seinen guten Willen zeigen und nervt dadurch nur noch mehr. Ich lasse mich dann verärgert zum Hauptbüro des Archiological Survey of India führen – zwei Leute sitzen drinnen, ein völlig leerer Raum, auch sie duchsuchen ihre Schreibtische. Was sie tun ist mir unklar, denn das Zimmer, die Schreibtischplatte und die Schreibtische sind völlig leer – kein Blatt Papier, kein Ordner, kein Kugelschreiber, nichts drin. Anscheinend der perfekte Drückerposten. Wutentbrannt verlange ich das Complaint book, das überall vorhanden sein muss, gibt es aber auch nicht. Schließlich findet einer der Angestellten am Eingang ein altes Gästebuch, in dem ich meinen Frust ablasse und mich nur noch mehr ärgere, dass mein Englisch bei den Schimpfworten sehr zu wünschen übrigläßt.

Ich gehe in die Moschee am Eingang. Aber Indien ist für jede unangenehme und angenehme Überraschung gut. Ein sehr distinguierter Inder und ein Europäer mit Kamera kommen in die Moschee. Ich quatsche den Inder an, da ich ihn für einen Guide halte, erkläre ihm die Situation, ob er sich auskennt und in welche Richtung ich gehen müsste. Tatsächlich kennt er sich aus: es ist der Architekt Karan Grover, der die Ausgrabungen und Restaurierungen im Ort leitet und der die Anerkennung als Unesco Worl Heritage Monument eingeleitet hat.

Jaja, er kenne das Problem. Die Unterlagen und Landkarten sind zwar alle da, aber die „Idioten“ (wie er sagt) in der Regierung hätten hier nur lauter unfähige Leute anhand der Bestechungsgelder eingesetzt. Er hat auch keine Ahnung, was die hier eigentlich machen, ausser abzukassieren. Der Europäer mit der Kamera ist von der BBC und dreht gerade eine Dokumentation für die BBC-Serie "Unesco World Heritage Monumente". Grover meint, ich sollte mit ihnen fahren, er würde mir die schönsten Ecken zeigen, sie würden sie sowie filmen. Na, da habe ich nichts dagegen und sage zu.

Champaner war die frühere Hauptstadt Gujarats und liegt am Berg Pavagahd, der wie ein Vulkan mitten aus der Ebene aufsteigt. Am Berg oben liegt das älteste Monumment aus dem 10. Jahrhundert, der Lakulish Tempel, den ich mir später Mittags anschaue. Champaner war ab dem 8. Jahrhundert Hauptstadt des hinduistichen Rajput Reichs Chauhan, wurde dann 1484 vom Sultan Mahmud Begara erobert und zerstört, als moslemische Stadt wieder aufgebaut und 1535 entgültig von dem Mogul-Kaisern zerstört.

Das Interessante an Champaner ist die einzigartige Verbindung von hinduistischen und moslemischen Stilelementen. So finden sich in den Moscheen Lotosblüten, die stilisierten Schlangensymbole über den Fenstern und Eingängen oder das Hakenkreuz in den Jalis (den durchbrochenen Fenstern). In der größten Moschee, der Jami Masjid, befindet sich am Eingang ein großes zweistöckiges Gewölbe, das eindeutig dem Jain-Tempel in Ranakpur nachgebildet ist. Man hat angeblich 125 Jahre gebraucht, um diese Moschee zu erbauen. Sie zeichnet sich aus durch feinste und schönste Steinmetzarbeiten. Besonders schön, fein gearbeitet und aussergewöhnlich ist das Lebensbaummotiv an der Decke der Moschee - etwas Ähnliches habe ich noch nie gesehen. Hinter der Jama Masjid gibt es einen großen achteckigen Stufen-brunnen, den Hauz-i-Vazu.

Ein Vorteil war natürlich auch, dass ich durch meine Begleiter in die gesperrten Etagen der Gebäude komme, wo man zum Teil eine wunderbare Rundumsicht hat. :D

Wie mir der Architekt erzählt, wurden bisher 150 Gebäude ausgegraben und restauriert, weitere 3000 seien noch vorhanden. Besonders interessant sind die Kewda Masjid, die Nagina Masjid, eine unbenannte Moschee mit Ziegelminaretten.

Mittags fährt das Filmteam zum Essen, ich werde eingeladen und sage natürlich zu. Mit dem Auto geht es eine halbe Stunde nach Süden, zu den Maharajas, genauer zum Maharaja von Jambughoda. Der Palast ist ein schönes altes Holzgebäude, das Maharaja-Ehepaar sehr angenehm, leise, freundlich, nicht so krachig wie all die neureichen Inder. Das einzige Auffällige ist, dass sie viel von ihren Vorfahren und fast nichts von sich erzählen, als ob sie kein eigenes Leben hätten. Zur Begrüßung gibt es einen wunderbaren indischen Weißwein – und das im trockenen Gujarat, wo Einfuhr, Verkauf und Genuß von Alkohl strengstens verboten ist. Der Wein kann es mit den meisten europäischen Sorten aufnehmen. Dann gibt es einen ausgezeichneten Brunch mit absolut ausgefallenen Speisen, wie ich sie noch nirgends bekommen habe.

Der Palast liegt in einem inoffiziellen Naturschutzgebiet, das der Großvater einrichten ließ (es gibt dort sogar noch Leoparden), es werden nur eigen angebaute, ökologische Lebensmittel verarbeitet und der Palast hat 19 Zimmer, die vermietet werden.
Website: www.jambughoda.com

Nachher geht es wieder zurück, der Architekt und der BBC-Filmer fahren zur Ruhepause zurück nach Baroda, mich lassen sie beim Berg Pavagahd hinaus und ich fahre mit der Zahnradbahn für 55 Rupies hinauf. Eigentlich wollte ich ja gehen, aber mittags um 13:00 völlig unmöglich – schon die kurze Strecke von der Endstation der Zahnradbahn bis hinauf zum Tempel, vielleich 100 Höhenmeter geht an die Substanz – bei 47 Grad fließt der Schweiß in Strömen, zumal ich nicht ganz fit bin, da ich leichten Durchfall und Fieber habe. Der Tempel ist ein großes Pilgerzentrum und einmal im Jahr pilgern dort 2 bis 3 Millionen von Hindus hinauf – da möchte ich nicht unbedingt dabei sein, denn der Tempel ist relativ klein. Man hat aber eine wunderbare Rundumsicht – auch auf den Bergkämmen liegen noch zahlreiche Ruinen (die aber noch nicht für Touristen geöffnet sind).

Anschließend fahre ich hinunter, sehe mir die Mauern und Ruinen der Royal Enclavery an und wandere zur Jamij Masjid, wo ich mich (nach Torschluß) um 17:00 mit dem Architekten wieder treffe. Sie wollen dort, bei besserem Licht weiterfilmen. So gegen 19:00 bei Sonnenuntergang sind sie fertig und nehmen mich mit zurück nach Baroda.

Ich habe in Indien selten so einen netten, lebensfrohen und humorvollen Menschen wie Grover getroffen – wenn er nach Deutschland kommen sollte, habe ich ihn zum Wein eingeladen, zu seiner großen Liebe. Herzliche Grüsse von mir….

  • »yaWo« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 1 221

Wohnort: Mühldorf

Renommeemodifikator: 12

  • Nachricht senden

70

Mittwoch, 13. Oktober 2010, 22:52

Champaner


  • »yaWo« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 1 221

Wohnort: Mühldorf

Renommeemodifikator: 12

  • Nachricht senden

71

Mittwoch, 13. Oktober 2010, 22:54

Champaner


  • »yaWo« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 1 221

Wohnort: Mühldorf

Renommeemodifikator: 12

  • Nachricht senden

72

Mittwoch, 13. Oktober 2010, 22:56

Champaner

Jama Masjid


  • »yaWo« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 1 221

Wohnort: Mühldorf

Renommeemodifikator: 12

  • Nachricht senden

73

Mittwoch, 13. Oktober 2010, 22:58

Champaner


  • »yaWo« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 1 221

Wohnort: Mühldorf

Renommeemodifikator: 12

  • Nachricht senden

74

Mittwoch, 13. Oktober 2010, 23:02

Mumbai

Auf dem Weg nach Mumbai. Im Zug. Seit zwei Tagen habe ich Durchfall – ist mal wieder typisch, dass mich so was immer zum Ende einer Reise erwischt. Ich bin auf Schmalkost umgestiegen – nur noch Kekse.

Momentan nervt mich Indien unglaublich, es ist wie ein Albtraum. Ich wollte mich ja die letzten Tage in den Bergen oder in Goa erholen, das wurde aber duch die Visaprobleme vereitelt. Ich sitze mit acht alten Weibern (auf einem Platz für sechs Personen), sie stinken, was nach 25 Stunden im Zug nicht verwunderlich ist (sie kamen aus Amritsar). Alle unterhalten sich, nein, schreien sich an: sie schreien sich an, als ob alle schwerhörig wären und sich über 50 Meter Entfernung verständigen müssten. Auf der Nebenbank sitzen drei Männer und haben ihr Handy auf volle Lautstärke eingestellt und spielen völlig übersteuerte Musik ab. Hinter mir im nächsten Abteil das gleiche. In der Minute kommen ungelogen mindestens 15 Verkäufer durch den Waggon und jeder brüllt seine Waren aus, als ob er das Beste und Einzigste ver-kauft.

Ein unendlicher Strom von Verkäufern zieht durch den Zug, schreiend und brüllend. Anscheinend gibt es keine normalen Inder, die sich gesittet und friedlich miteinander unterhalten. Ein Freund in Deutschland ist in der Arbeit bei Siemens grauenhaft ge-nervt von den Indern in seiner Abteilung, die ununterbrochen schreien und streiten (jetzt eigentlich nicht mehr, er ist seid einigen Wochen in Frühpension) – ich verstehe ihn jetzt. Ein grauenhafter Lärm.

Kilometerlang stinkt es in den Zug hinein nach Pisse und Toilette. Momentan gewinnt das ganze Unangenehme in Indien Oberhand – ist bei mir aber immer so zum Ende einer längeren Reise in Indien. Viel zuwenig Entspannung und viel zu viel Aktion gemacht. Ich glaube, das Seltenste, was man in Indien findet, ist Ruhe. Selbst im Hotel oder im Zimmer hat man die nicht: draußen brüllen die Verkäufer, jaulen die Motorräder, rundherum in den Zimmern laufen dröhnend in voller Lautstärke die Fernseher. Ich habe den Eindruck, die Inder fürchten nur eines: eine Minute Ruhe.

Typisch Indien: keiner nimmt Rücksicht, die Alte mir gegenüber schüttet eine halbe Flasche Wasser über mein Netbook, auf dem ich gerade schreibe. Unter ihrem Moslem-Tschador grinst sie mich blöde an und schaut mich an, als ob ich IHR auf die Füsse getreten wäre – ich könnte sie zum Fenster hinauswerfen (leider hat das Gitter davor). Sie kennen auch keine Privatsphäre: ich sitze hier im Zug und tippe auf dem Rechner, jeder Bettler und jeder Verkäufer kommt, schüttelt mich an der Schulter und redet auch mich ein. Ein Bettler bleibt fünf Minuten stehen, labbert ständig auf ich ein und stößt mich immer wieder an – ich werde etwas unfreundlich.

Hach, wie schön wird es daheim, wo man Auto fahren kann, bei offenem Fenster, ohne die Toilettengerüche der ganzen Nation, wo es am Sonntag eine wunderbare Totenruhe gibt (die mich ja sonst immer so nervt), wo man seine Ruhe haben kann, wenn man will.

Dabei weiß ich genau, dass mich nach drei, vier Wochen daheim wieder die Reiselust packt und ich sofort wieder nach Inden fahren würde.

Die Fahrt dauert mehr als sieben Stunden: die Alten um mich herum reden, nein schreien sieben Stunden ohne Unterbrechung. Das ist unglaublich: ich wäre nach sieben Stunden Schreien völlig heiser, nach sieben Stunden Zuhören taub und vor allem wüsste ich nicht, was ich sieben Stunden lang reden sollte. Ich muss ein sehr unkommunikativer Mensch sein.

Um 16:00 endlich Ankunft am Bahnhof Bandra in Mumbai. Die ersten Taxifahrer tau-chen auf und wollen 600 bis 800 Rupies. Ich frage sie etwas provokativ, ob sie spin-nen und ob sie glauben, ich würde das bezahlen. Vom Flughafen, der 15 km weiter ausserhalb liegt, bis zur Innenstadt zahlt man 400 Rupies. Dann kommt ein Taxifah-rer, der auf Taxameter fahren will – das habe ich in Indien noch nicht erlebt. Ich willige ein. Er zeigt mir die Umrechnungstabelle, er zeigt mir das Taxameter, dass das auf Null steht und mindestens siebenmal, wie ehrlich er ist und dass ich mir keine Sorgen machen brauche, schreibt mir sogar seine Taxinummer auf. Komisch, warum bin ich trotzdem misstrauisch – ich rede mir ein, du spinnst. Naja, seltsam und sehr untypisch ist es schon, dass er mich mit dem Fixpreis nicht über das Ohr hauen will, ganz untypisch. Nach einer Stunde Fahrt kommen wir in Colaba am Hotel Sea Shore an (sonst wohne ich im Hotel Prosser’s, aber ich wollte einmal wieder ein anderes ausprobieren, zumal das Hotel Sea Shore jetzt renoviert ist und man einen Blick auf das Meer hat).

Ja und hier werde ich das Opfer des unverschämtesten Betrugsversuchs, den ich bisher in Indien erlebt habe (nicht im Hotel, sondern im Taxi). Wir kamen am Hotel an und ich wunderte mich schon, dass der Fahrer wollte, ich sollte die hinteren Fenster hochkurbeln (er wollte keine Zeugen). Laut Taximeter kostet die Fahrt 780 Rupies. Ich erkläre ihm freundlich, dass das nicht sein könne, der Fahrpreis vom weiter entfernten Flughafen sei 400 Rupies und er möge doch bitte 200 Meter weiter – an der Kreuzung rechts - zur Colaba Polizeistation fahren, dort würde dann das geklärt.

Das will er dann doch nicht, und geht auf 500 Rupies herunter, das will ich nun wieder nicht und erkläre mich bereit allerhöchstens 300 Rupies (der wahrscheinliche Fahrpreis dürfte 250 Rupies sein) zu zahlen. Nach einigen Hin und Her willigt er ein, da ich ihn immer wieder auffordere zur Polizeistation zu fahren. Am Morgen hatte ich zwei 500-Rupies-Scheine aus meinem Bauchgurt in die Brieftasche getan, da ich nur noch einige Zehner- und Zwanzigerscheine drinnen hatte (nachdem man mir in Bho-pal die Brieftasche geklaut hatte, trage ich da nicht viel mit mir herum). Einen 500-Rupies-Schein gebe ich dem Fahrer, er gibt mir 200 Rupies zurück, ich stecke sie ein. Da hält er mir einen 100-Rupie-Schein hin und behauptet, ich hätte ihm nur diesen 100-Rupie-Schein gegeben. Ich hatte gar keine Zeit unsicher zu werden, da ich genau wusste, was ich in der Brieftasche hatte. Ich kurbelte mein Fenster herunter, draussen standen schon die Schlepper und sagte zu ihnen, sie sollten doch bitte die Polizei rufen. Das war dem Fahrer dann doch zuviel – wütend machte er die Türe auf, schob mein Gepäck und mich hinaus und fuhr los.

Am nächsten Tag machte ich große Ruhepause und schlief lange und verließ das Zimmer erst nachmittags um 16:00, als es schon etwas kühler war (wahrscheinlich nur noch 40 Grad). Dass ich nicht fit bin, merke ich daran, dass ich schwitze wie noch nie – der schweiß läuft mir in Strömen herunter. Also nur noch einige Mitbring-sel einkaufen, die mir meine Frau in Auftrag gegeben hat und um 20:00 dann zurück ins Zimmer und ins Bett. Sightseeing in Mumbai reizt mich eh nicht.

Als ich beim letzten Besuch Mumbais meine Frau zum Flughafen brachte, wurde das Hotel Sea Shore gerade renoviert. Heute ist das Hotel zusammen mit dem India Guest House im Stock darunter sicherlich eine der besten Adressen für Langzeit-Traveller in Mumbai, denn Hotels in Mumbai sind in der Regel ausgesprochen teuer. Sea Shore ist frisch renoviert und ich habe (wenn ich mich ans Fenster stelle) einen wunderbaren Blick auf das Meer und den Hafen von Mumbai.

Sea Shore ist aber auch ein Muster für indische Arbeit. Die Böden der Zimmer sind mit ca. 80 x 40 cm großen, sehr schönen Steinplatten gefließt; ab und an fehlt eine größere oder kleinere Ecke und wurde mit grauem Zement aufgefüllt. Die Wände sind bis in einen Meter Höhe mit hellbraunen spiegelnden Steinplatten verkleidet, darüber wurde die Wand und die Zimmerdecke weiß gestrichen; überall finden sich harte, eingetrocknete Farbspritzer an den Steinplatten. Die Decke ist weiß und mit Stuckleisten abgesetzt; vor den Fenstern ist ungefähr ein Quadratmeter nicht ver-putzt und nicht gestrichen. An die neuen Fensterrahmen hat man die alten Vorhänge angebracht, indem man sie mit Nägeln im neuen Fensterrahmen festgenagelt hat; man kann sie also nicht aufziehen. Jedes Zimmer hat einen Fernseher mit Flachbild-schirm – meiner ist allerdings schief angeschraubt. Mitten im Zimmer hängt ein Kabel aus der Wand und ist verknotet. Über der Tür befindet sich der Elektroschacht; er ist offen und zeigt alle Drähte. Ungefähr die Hälfte der (natürlich auch Desinger-) Elekt-roschalter ist in die Wand eingebaut und hat keine Umrandung, die andere Hälfte hat eine. An den Türen gibt es schöne Designer-Türklinken und –schlüssellöcher; bei den meisten hat man nur die Schlüsselöffnungen frei gekratzt und der Rest der Schutzfolien hängt noch überall daran (und wird auch noch in zehn Jahren dran hän-gen). Die Toiletten und Duschen sich mit Designerstücken ausgestattet. Die Wasch-becken bestehen aus einem umgestülpten Kegel, sehr schön; das Ablaufsieb wurde allerdings mit grauem, rauhen Zement hineinbetoniert, der Zementring ist jetzt schon sehr dunkel und wird in einem Jahr wahrscheinlich tiefschwarz sein, da sich jeder Dreck darin festsetzt. Die Waschbecken hängen in Edelstahlringen und sind mit ei-nem sehr schönen matten Edelstahlgitter umgeben. Damit es nicht verkratzt, waren Ringe und Gitter mit Schutzfolie verklebt; an den meisten Stellen hängen noch Schutzfolie oder Klebereste noch daran. In den Toiletten und Duschen sind die Böden aus grossen dunklen silbergrauen Steinfließen – auch hier fehlen einige Ecken und sind mit rauem Zement ausgefüllt. An den Armaturen wurden fast durchgängig Schutzfolien und Klebestellen nicht entfernt. Die Wand zwischen Wasch-, Toiletten-teil und Flur besteht aus einer einfachen rauen, weiß gestrichenen Sperrholzplatte, die sich schon jetzt verzieht.

Es ist ein Trauerspiel – es sind eigentlich nur Kleinigkeiten, die den Gesamteindruck ruinieren und die gesamte Renovierung fast unsinnig machen. Wer nun meint, dass dies nur in diesem Hotel so ist, der irrt – ich habe viele Orte, auch Paläste und teure-re Restaurants gesehen, wo ähnliches gemacht wurde. Ganz offensichtlich haben Inder für diese Diskrepanzen überhaupt kein Gespür.

  • »yaWo« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 1 221

Wohnort: Mühldorf

Renommeemodifikator: 12

  • Nachricht senden

75

Mittwoch, 13. Oktober 2010, 23:05

Heimflug

Ach, die Inder, sie sind immer für Überraschungen gut. Da habe ich meine Reisetasche aufgegeben und stehe vor der Immigration und der Beamte dreht meinen Pass hin und her und meint schließlich, ich könne doch gar nicht ausreisen, ich habe keine „exit permission“. Wooouhh, was es in Indien alles gibt. Ich bin nicht gerade begeistert und weise darauf hin, dass ich eine Visumsverlängerung habe und dass da groß und blau im Pass steht „Erlaubnis bis zum 05.05.2010 in Indien zu bleiben oder auszureisen“. Tja, stehen kann da viel, meint er, aber ich bräuchte trotzdem eine „exit permission“, die hätte ich bei der Visumsverlängerung bekommen. Ich weiss es besser und zeige ihm den einzigen Zettel, den ich ausser dem Stempel bekommen habe, nämlich die happige Rechnung. Ich müsse unbedingt bei meinen Unterlagen nachschauen, da sei das Papier dabei. Ich tue ihm den Gefallen, weiss zwar, dass ich nichts bekommen habe (aber die Inder lieben das, ich habe es ja in Chamapner erlebt), darum packe ich meinen Bauchgurt aus und blättere jedes einzelne Blatt auf den Tisch – darunter auch einige Dollarnoten, die ich gerade zurückgetauscht hatte. Entsetzt weist er darauf und meint, ich solle das sofort wegtun – ich beruhige ihn, „sorry, that’s NOT for you“, bestechen will ich ihn ja nicht. Wie zu erwarten, keine „exit permission“. Tja, dann müsse ich da bleiben und mir eine „exit permission“ holen. Ja, aber dann verpasse ich mein Flugzeug und bräuchte eine erneute Visumsverlängerung, wie er sich denn das so vorstellt? Er stellt sich gar nichts vor, beschließt aber, meinen Pass zu nehmen und seinen Chef zu befragen.

Er geht. Hinter mir murren die Leute – sollen sie, das ist jetzt mein kleinstes Problem. Der Beamte kommt wieder, alles in Ordnung, ich habe ja die Visumsverlängerung in Delhi gemacht (das hätte ich ihm auch sagen können, ausserdem steht dick und gross „Delhi“ unter dem Visumsstempel. Hätte ich die Verlängerung in Mumbai oder Kalkutta gemacht – klärt er mich auf – dann bräuchte ich eine „exit permission“. Was es nicht so alles an bürokratischen Verirrungen gibt. Freudig greift er seinen Stempel und haut mir einen dicken roten Departure-Stempel in den Pass (jeder Inder greift freudig zum Stempel und haut zu), erhebt sich, verabschiedet sich von mir und schüttelt mir die Hand – ganz im Ernst, der erste Zollbeamte, der mir beim Ausreisen die Hand schüttelt (nicht einmal bei der Einreise haben sie das getan).

Anschließend kommt der Security Check. Auch dort wird begeistert gehauen. Die Schuhe ausziehen, die Gürtel runter und die Hosen festgehalten, die Rucksäcke ausgeleert, dann abtasten. Ich habe noch nie einen Flughafen gesehen, wo so lange und intensiv das Gepäck im Röntgengerät untersucht wurde. Dann einen roten und einen blauen Stempel auf den Boarding Pass, einen auf den Handgepäck-Anhänger und damit der Fotoapparat auch etwas abbekommt, kriegt er auch einen Anhänger und einen Stempel drauf – die Inder sind glücklich.

Dann im Warteraum werden alle die vielen Stempel mehrmals kontrolliert, schließlich geht es an das Boarding und da werden dann nochmals die Stempel kontrolliert und wehe einer fehlt: der wird dann erbarmungslos zurückgeschickt zu erneuten Kontrolle. Und dann wird mit grünem Stempel auf den Boarding Pass bestätigt, dass alle Stempel drauf sind. Das Boarding ist das Seltsamste, dass ich je erlebt habe: zuerst die Behinderten – ich habe noch nirgends so viele Behinderte gesehen, die sich im Rollstuhl in das Flugzeug schieben liessen, einundzwanzig Leute. Davon sind aber höchstens zwei behindert, der Rest ist schlichtweg überfressen und fett. Ein älterer Mann, der vorher hin- und hergelaufen ist, sitzt plötzlich im Rollstuhl und fährt als dritter in das Flugzeug - den Trick muss ich mir merken. Dann kommen die Kinder und ihre Eltern. Kinder sind aber alles unter achtzehn Jahren, so steigen sieben- oder achtzehnjährigen Töchter mit ihren Familien ein, die auf dem Land schon längst verheiratet wären und selber ein oder mehrere Kinder gehabt hätten. Und Familien sind groß, meist vier, fünf, sechs oder sieben Leute. Eine (europäische) Reisegruppe von einundzwanzig Leuten, zu der ein etwa dreijähriges Mädchen gehört, zählt auch zu den „Familien mit Kindern“ und geht geschlossen durch die Sperre. Dann kommen die normalen Passagiere (ich nehme mir die Zeit und zähle, es sind bei ausgebuchtem Flugzeug noch dreiundfünfzig) – ich gehöre zu den „normalen“.

Und dann direkt vor dem Flugzeug kommt die nächste Kontrolle – Handgepäck öffnen und durchsuchen, noch einmal alle Passagiere abtasten, ein letzter Stempel und wir sind plötzlich im Flugzeug.

Der Flug geht gut vonstatten, der Service der British Airways ist auf dem Rückflug grottenschlecht, ausser beim Essen werden kein einziges Mal Getränke serviert, die muss man sich selber holen. Beim Essen gibt es keine Auswahl, man bekommt ein vegetarisches hingeklatscht mit der Mitteilung, etwas anderes gibt es nicht mehr – sie hätte zu wenig Chicken bestellt (und das vegetarische Essen war grauenhaft).

Dass die Inder manchmal „crazy“, aber auch lustig sind, ist ja bekannt, dass die Engländer spinnen, weiss jeder gebildete Mensch spätestens seit Asterix und Obelix. Dass sie aber völlig verblödet sind, wusste und ahnte ich noch nicht. Landanflug auf London, auf der linken Seite ein wunderbarer Blick aus den Fenstern bei Abendlicht, ein etwa zwanzigjähriger Traveller springt begeistert mit Kamera auf, läuft zu einem Fenster und macht ein Foto, die Stewardessen schreien „sit down“, er geht zurück und setzt sich wieder. Dann sind wir gelandet und stehen über zwanzig Minuten vor dem Gate, jeder, der aufsteht wird unfreudlichst von den Stewardessen angeschrieen. Schließlich öffnet sich die Flugzeugtüre, zwei schwerbewaffnete Polizisten mit riesigen Pistolen, Gummiknüppeln, Handschellen und schusssicheren Westen treten ein und führen nach kurzer Diskussion den jungen Traveller ab – seine Freundin (oder Frau) will natürlich mit, wird aber unfreudlichst genötigt dazubleiben. Wegen so einer Kinderei lassen die über dreihundert Passagiere fast eine halbe Stunde warten und alarmieren die Polizei. Europa und sein Wahnsinn hat mich wieder.

  • »yaWo« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 1 221

Wohnort: Mühldorf

Renommeemodifikator: 12

  • Nachricht senden

76

Mittwoch, 13. Oktober 2010, 23:06

Ende

So, das wars...