Donnerstag, 2004-09-23: Einem bangen Erwachen folgt ein erster Blick nach draußen, blauer Himmel über dem Morgennebel. Na also, schönes Wetter, es kann weitergehen. Noch scheint die Sonne nicht über die Baumwipfel. Der Morgennebel ist schön kalt, gestattet aber auch schöne Fotos über die Bucht zurück zum Carmanah Lighthouse.

Während eines gemütlichen Frühstückes versuchen wir noch das eine oder andere in der jetzt sich über den Zeltplatz ergießenden Sonne zu trocknen. Gegen 10 besteigen wir das Cablecar um auf die andere Seite des Carmanah zu gelangen. 16 Kilometer stehen heute auf dem Programm davon können wir einige am Sandstrand recht schnell abhacken, aber es gibt auch Buchten mit lockerem Sand.
Man sinkt bei jedem Schritt ein. Das Wandern macht so auch keinen Spaß, aber es gibt hier keinen Weg im Mainland, nur das Wandern am Beach ist möglich. Die ersten zehn Kilometer sind so schnell geschafft. Mittlerweile hat sich unsrer Einstellung gegenüber Schlamm, Nässe und der Kletterei geändert, geradlinig suchen wir unseren Weg. Es gilt mehrere Täler zu überwinden,meist geht es auf Leitern 50 Meter hinab und auf der anderen Seite genauso wieder hoch.
Das schlaucht ganz schön. Als Leckerlie geht es von der Leiter auf eine schmale Hängebrücke, der untere Teil der Leiter schwingt mit der Brücke mit, geil! Es gibt noch mal die volle Packung, Schlamm, Modder, umgestürzte Bäume, Schlamm, Modder ...! Hardcore. Nicht umsonst sind die Etappen südlich von Nitinat Lake so verschrieen als besonders anspruchsvoll. Jeder Meter schmerzt, und genau jetzt löst sich die Sohle an meinem linken Wanderstiefel. Nachdem ich an einer Wurzel hängengeblieben bin laufe ich auf der blanken Fußsohle. Also muß ich mit einem Sportschuh auf der einen und einem Wanderstiefel auf der andern irgendwie zurechtkommen. Erstaunlich wie man die unterschiedliche Sohlenhöhe merkt, ich hinke.

Bevor es ans Meer mit dem Zeltplatz am Camper Creek geht verläuft der Weg noch mal richtig über einige Berge, das Hochlaufen geht noch, aber die 200 Höhenmeter runter zum Camp stauchen ganz gewaltig in den Beinen. Der Zeltplatz ist voll, wo kommen auf einmal all die Menschen her? Wir haben hier augenscheinlich die Wanderer mehrerer Tage eingeholt. Die schönen Plätze sind schon weg. Mit Brennholz sieht es auch recht mau aus.Nach einem Blick in die Tidentabelle entschließe ich mich das Zelt direkt am Fluß aufzubauen. Gisel hat währenddessen aus dem Nichts ein Feuer gezaubert. Es ist unser letzter Abend. Morgen können wir rauslaufen.

Die letzten fünf Kilometer sind noch mal verschrien, ich frage mich warum. 1996 mußte man diese nicht laufen (altn. Fähranlegestelle bei km 70) wir taten es und fanden es nur lang aber nicht schlimm. Abwarten sag ich mir. Jetzt kommt auch die Familie welche wir heute überholt haben, die Eltern mit ihren drei Kindern. Sie sind zwar wesentlich langsamer als wir unterwegs auf einer 8 bis 10 Tage - Strategie, trotzdem nötigt mir diese Leistung allen Respekt ab. Hut ab vor den Eltern und den Kindern!
Leider verschwindet die Sonne hier zeitig hinter einem Berg und es wird bitter kalt im Camp, mag sein das der Körper jetzt auch länger zu Regenerieren braucht. Morgen wollen wir zeitig aufstehen um möglichst früh am Ende des Trails zu stehen. Die Fährpassage dort ist nur bis 16:00 Uhr besetzt und insgeheim hoffe ich auf einen Abendbus zurück nach Bamfield!
Freitag, 2004-09-24: The final day! Nach unserem zeitigen Aufstehen sind wir schon gegen 8:30Uhr in der Spur und zügig unterwegs, es ist der letzte Tag, der Körper dreht jetzt frei, nichts kann ihn mehr aus der Ruhe bringen, Schlamm oder rutschige Boardwalks, lächerlich ...! Für die acht Kilometer bis Kilometer 70 benötigen wir nur 2,5 Stunden. Hier sollen die berüchtigten letzte fünf losgehen. Alles schaut anders aus wie 1996, im Nachhinein weiß ich das der Wegeverlauf hier geändert wurde. Die Kilometer bis zum Ausstieg sind lang aber nicht sonderlich schwer, es ist in diesem Teil halt ein typischer Bergwanderweg. Dies ist wahrscheinlich auch der Grund für den schlechten Ruf, die Hiker sind einfach nicht darauf eingestellt hier noch mal richtig steigen zu müssen. Für uns ist dies nichts ungewöhnliches. Schwerer fällt mir der letzte Kilometer, welcher nicht enden will. Auch das wußte ich noch von 96. Doch dann stehen wir plötzlich unten am Meer. Es ist 13:30Uhr.

Gisel schlägt vor zurückzugehen, ob das sein Ernst ist?Wir setzen mit der Fähre über und melden uns beim Ranger ab, WCT ade! Zweimal gelaufen, zweimal war es schwer aber auch unsagbar schön.Ich reserviere zwei Plätze bei Trailbus.com für den nächsten Tag, irgendwie müssen wir ja von Port Renfrew zurück nach Bamfield. Wir schlagen unser Zelt auf und genießen die Dusche. Danach machen wir uns auf ins Village, erstaunlich wie beschwingt es sich ohne den Rucksack laufen läßt.

Im "Coastal Kitchen Cafe" finden wir den richtigen Platz um den WCT zu feiern, nach Kaffe und Kuchen gibt es Fisch mit Pommes und lecker Bier.
Vier Tage Sonne, ein Tag Regen ... wir haben Glück gehabt, Gisel hat seinen ersten West Coast Trail erfolgreich gemeistert. In mir steigt die Sehnsucht, vergessen sind die Strapazen, wann bin ich wieder hier ...?

Im letzten Teil gibt es dann noch mehr Bilder und aktuelle Infos zum NP und dem Weg!